„Nicht schwimmen können, ist lebensgefährlich“, warnt Steffen Kregler und beweist das mit einer Zahl: In diesem Jahrs seien schon 32 Kinder im Land ertrunken, weil sie sich im Wasser nicht sicher bewegen konnten. „Doppelt so viele wie 2012“. Klar, dass der Schwimmverein Gmünd gegenhalten will. Mit einem Projekt, das in Ganztagsschulen die Arbeit der Übungsleiter in den Stundenplan der Erstklässler einbaut. Ehrgeiziges Ziel: Wenn sie Zweitklässler sind, sollen alle Kinder schwimmen können, sagt Kregler als Projektverantwortlicher. Am Montag ist der Start. Nach ausgiebiger Vorarbeit beginnt der erste Kurs: 16 Mädchen und Jungs von der Hardtschule tummeln sich im Gmünder Hallenbad. Da, wo auch die Kleinen noch sicher stehen können, üben sie den Umgang mit dem gefährlichen Element. Spritzen sich nass, springen hoch, tauchen kurz unter. Einigen ist sichtbar mulmig dabei, obwohl fürsorgliche Erwachsene direkt neben ihnen im Wasser stehen.
„Viele Kinder haben große Angst“, hat Steffen Kregler kurz vorher im Foyer beim Auftaktgespräch für das Pilotprojekt „Schwimmvereine in Ganztagsschulen“ beschrieben. Mittlerweile sei es so, dass die Mehrzahl der Kinder nicht schwimmen könne. 144 Mädchen und Buben seien im Vorfeld des Pilotprojekts in Gmünd getestet worden. 112, „das sind 78 Prozent“, konnten sich nicht über Wasser halten, berichtet Kregler.
Weil das nicht nur in der Stauferstadt so ist, sondern überall im Land, will das Kultusministerium gegensteuern und hat für ein Pilotprojekt die Zusammenarbeit mit dem Gmünder Schwimmverein gesucht. „Weil wir schon Erfahrung haben durch unsere Kooperation mit neun Schulen“, meint Vorsitzender Roland Wendel, ist stolz auf die Arbeit seines Stellvertreters Steffen Kregler und das Engagement der Übungsleiterinnen Gabi von Abel und Elke Wörner. Auch lobt er die große Offenheit der Gmünder Schulen, durch die der Schwimmverein schon Erfahrung sammeln konnte beim Schwimmunterricht für die Zweitklässler. „Das einzige, woran es in Gmünd fehlt, ist die Wasserfläche. Deshalb wollen wir eine Traglufthalle“, formuliert Wendel in Richtung Bäderbetriebe und Gemeinderat.
Als Sportbürgermeister greift Dr. Joachim Bläse dies später auf und meint, es sei sinnvoll, aus den vorhandenen Wasserflächen den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Ebenso sinnvoll sei die enge Verzahnung von Schwimmverein und Ganztagsschule – aber nur „wenn sie nachhaltig ist“ und Strukturen geschaffen würden, bei denen am Ende nicht die Kommunen die Geldgeber seien. Von einer Nachhaltigkeit könne man ausgehen, erwidert darauf Michael Schreiner, der im Kultusministerium für die Bereiche Sport und Sportentwicklung zuständig ist. Wie die Finanzierung letztendlich gelöst werde, sei noch nicht ganz entschieden.
Das Geld für die Erprobungsphase stammt nun zunächst aus dem Finanztopf, der für Jugendbegleiterprojekte aufgelegt wurde, erklärt Steffen Kregler. Weil der Schwimmunterricht in den Lehrplan integriert ist und damit Planungssicherheit notwendig sei, eigne sich das Pilotprojekt nicht für eine Kooperation Schule/Verein im herkömmlichen Sinne. Außer Frage stehe, dass der Einsatz der Übungsleiter vergütet werde. Ob die Zusammenarbeit, bei der sich die Schulen ums Organisatorische kümmern – vom Transport der Schüler ins Hallenbad bis zum Umkleiden – und bei dem die Pädagogische Hochschule angehenden Sportlehrern eine Chance für Praktika bietet, wie geplant funktioniert, „wird von der Sportwelt genau beobachtet“, versichert Michael Skorzak, der Vorsitzende des württembergischen Schwimmverbandes. Weil hier in vielen Kooperationen die Zusammenarbeit mit den Schulen erprobt wurde, habe Gmünd Vorreiterrolle übernehmen können, meint er und wirbt für das Schwimmen als einen gesunden Sport, den jeder bis ins hohe Alter ausüben könne.
„Dass so viele Kinder es nicht mehr lernen, ist ein Armutszeugnis und muss sich ändern“, findet CDU-Landtagsabgeordneter Dr. Stephan Scheffold.
Die Projektschulen und die Kurse
Nach den Sommerferien war an den Projektschulen das Sichtungsschwimmen – mit folgendem Ergebnis:
- Die Klösterleschule hat 90 Erstklässler, von denen 35 gar nicht schwimmen können.
- Die Rauchbeinschule besuchen 35 Erstklässlern, unter denen es 15 Nichtschwimmer gibt.
- Die Hardtschule hat 30 Erstklässler, von denen mindestens 25 überhaupt nicht schwimmen können.
Aus diesen 75 Nichtschwimmern werden für das Pilotprojekt Kurse mit jeweils maximal acht Kindern gebildet.Betreut wird jeder Kurs von einem Schwimmlehrer, den der Verein stellt und einer weiteren Aufsicht. Die Kurse gehören zum Stundenplan.
© Gmünder Tagespost 05.11.2013
