Deutsche Meisterschaften in Berlin Jubel über Bronzemedaille durch Marie Fuchs - Unerwartete Erfolge des Schwimmvereins – warum sich dazu aber Abschiedsschmerz mischt

Jubel, Stolz und Freude – aber auch Wehmut und Abschiedsschmerz. So lässt sich das Stimmungsbild beim Schwimmverein Gmünd nach den Deutschen Meisterschaften übers vergangene Wochenende in Berlin beschreiben. Völlig unerwartet gewann nach der 4 x 100 Meter Freistilstaffel der Damen mit Paula Fuchs, Chiara Vetter, Ida Schneider und Marie Fuchs zum Auftakt (wir berichteten am Samstag) am Sonntagabend „Super-Marie“ Fuchs im A-Finale über 50 Meter Schmetterling auch noch eine weitere Bronzemedaille in einem Einzelrennen. Insgesamt dreimal (mit den Staffeln sogar sechsmal) stand Marie Fuchs in Finals und stellte dabei jedes Mal einen neuen Vereinsrekord auf. Ihre Zwillingsschwester Paula Fuchs brachte es auf drei Qualifikationen für ein B-Finale. Auch Ida Schneider und Chiara Vetter imponierten nicht nur in den Staffeln mit Topleistungen und trugen entscheidend zum Medaillengewinn sowie zu zwei sechsten Rängen über 4 x 100 Meter Lagen der Damen zusammen mit den Fuchs-Sisters sowie über 4x 100 Meter Freistil Mixed zusammen mit Lenny Kientz und Jan Klein bei. Am kommenden Freitag um 17 Uhr ist das Team von Erfolgstrainer Björn Koch zum Empfang der Stadt Schwäbisch Gmünd von Oberbürgermeister Richard Arnold im Barockzimmer des Rathauses eingeladen.

Das Eintragsritual ins Silberne Buch der Stadt wird für die meisten der in den vergangenen Jahren so erfolgreichen „Gmünder Dorfhennen“ (wie sie sich selbst nannten) der Schlusspunkt ihrer Leistungssportlaufbahn sein – für die Einser-Abiturientinnen und FSJ-lerinnen Marie und Paula Fuchs und Ida Schneider stehen Studium an, Chiara Vetter startet ins Berufsleben, Jan Klein bereitet sich aufs Abi vor und Lenny Kientz beginnt seine Berufsausbildung. „So ist das in unserer Sportart“, erklärt SVG-Vorsitzender Roland Wendel, „durch Schwimmen kann man seinen Lebensunterhalt nicht verdienen, wir sind das ja schon lange so gewöhnt“. Auch Trainer Björn Koch bedauert zwar den Abschied seiner Musterschülerinnen, gibt sich aber kämpferisch: „Wir werden die Leistungsgruppen neu strukturieren und das Nachwuchstraining forcieren“.

Eine, die durchaus alle Voraussetzungen für professionelles Schwimmen mitbringt, ist Marie Fuchs. „Ich bin wirklich stolz, trotz der Belastungen durch mein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ostalbklinikum in Mutlangen jetzt mein bestes Leitungsniveau erreicht zu haben“. Mit ihrem dritten Platz über 50 Meter Schmetterling (nach Rang vier im Vorlauf) in neuer Vereinsrekordzeit von 27,32 Sekunden hinter Weltmeisterin Angelika Köhler (Berlin) und nur 0,09 Sekunden nach Lara Vandenhirtz (Aachen) schlug die 20-Jährige die Tür zur internationalen Spitzenklasse auf. Und auch in der Freistildisziplin hat sie Topniveau erreicht. Nur neun Minuten nach dem Schmetterlingsfinale wurde Marie Fuchs Sechste im A-Endlauf über 50 Meter Freistil, das sie als Fünfte mit 25,63 Sekunden (Vereinsrekord) erreicht hatte. Auch Platz 7 über 100 Meter Freistil in 56,27 Sekunden (Vereinsrekord) waren erstklassig. „Jetzt beginnt aber ein neuer Lebensabschnitt für mich“, lässt Marie Fuchs wissen, „ich will Psychologie studieren“. Wo, stehe noch nicht fest: „Ich werde in den nächsten Tagen meine Bewerbungen losschicken“, sagt Marie, „Schwimmen wird dann zum Hobby“.

Ähnlich ist die Lage bei Paula Fuchs. Wegen ihres großen Engagements bei einer Inklusionsorganisation in Welzheim, einer komplizierten Beinverletzung, die im nächsten Monat eine Operation nach sich ziehen wird, und diverser Erkrankungen konnte sie sich auf die Deutschen Meisterschaften nur unzureichend vorbereiten. So gesehen waren für sie drei Qualifikationen für ein B-Finale (Platz 9 bis 16) optimal: 14. über 200 Meter Rücken in 2.23,13 Minuten, 15. über 50 Meter Rücken in 30,72 Sekunden und 16. über 50 Meter Schmetterling; allerdings nur wenige Minuten nach den 200 Meter Rücken. Mit 28,03 Sekunden hatte Paula über die 50 Meter Schmetterling als Neunte nur hauchdünn das große Finale verpasst. „Ich kann mit meinen Zeiten zufrieden sein, aber es tut schon ein bisschen weh zu sehen, was möglich gewesen wäre, wenn ich mein Leistungsvermögen hätte abrufen können.“ Wie es in Zukunft mit dem Schwimmsport weiter geht, „weiß ich noch nicht genau“, sagt Paula Fuchs. Sie will Medizin, Psychologie oder „etwas in sozialer Richtung“ ab Herbst studieren. Schwimmen könne dann wohl nicht mehr an Nr. 1 stehen.

Auch bei der 20-jährigen Ida Schneider, die über 100 Meter Freistil (58,68 Sekunden), 200 Meter Schmetterling (2.27,05 Minuten) und 200 Meter Freistil (2.06,85) angesichts des Stresses im FSJ-Jahr beim SVG mit guten Mittelfeldplätzen „super zufrieden“ und über die Staffel-Medaille „ganz happy“ war, wird der Schwimmsport ab Sommer nicht im Vordergrund stehen. Sie will in Heidelberg Mathematik und Physik studieren, „aber ganz ohne Schwimmen kann ich mir mein Leben nicht vorstellen; ich brauch das, um den Kopf frei zu haben“ Ob sie unter Umständen den Verein wechselt, glaubt Ida Schneider „eher nicht, ich könnte mir durchaus vorstellen, bei den Masterswettkämpfen für den Schwimmverein zu starten.“

Nach zweieinhalbjährigem Studium frisch dekoriert mit dem Master-Diplom in der Fachrichtung Maschinenbau von der Youngstown-State-University (Ohio/USA) erst zwei Tage vor den Wettkämpfen kam Chiara Vetter nach Berlin angereist. Für sie war der Medaillengewinn in der Freistilstaffel und Platz 6 in der Lagenstaffel „ein Riesending, mit dem ich nie gerechnet hatte“. Über 50 Meter Brust (34,42 Sekunden) war sie auch für ein Einzelrennen qualifiziert, der Jetlag machte ihr dabei schon zu schaffen. Ihre Zukunft sieht die 24-Jährige „eher im Mastersport“, nach der Sommerpause will Chiara sich um einen Job bewerben – „und zwar in München, weil dort mein Freund lebt“.

Mitten in den Vorbereitungen aufs Abitur am Technischen Gymnasium steckt derzeit Jan Klein (20 Jahre), der in Berlin 53,76 Sekunden über 100 Meter Freistil schwamm und mit der Mixed-Lagenstaffel Sechster wurde. Deshalb trainiert er nur noch in der zweiten Leistungsgruppe. Ab Herbst plant er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim: „Eher nur noch bei den Masters“ will Jan in Zukunft schwimmen. Dagegen möchte sich Lenny Kientz, Staffelmitglied in Berlin, im Leistungssport weiter verbessern: „Ich möchte mich zumindest einmal für einen Einzelwettbewerb bei Deutschen Meisterschaften qualifizieren. Derzeit absolviert Lenny sein FSJ an der Heideschule in Mutlangen. In den nächsten Wochen will sich der 18-Jährige für eine Berufsausbildung entscheiden: Entweder bei der Polizei oder als Pilot, „letzteres wäre mein Traumjob“.