Manfred Bihr – das Urgestein des Gmünder Schwimmsports feiert seinen 90. Geburtstag

Normalerweise zieht er am Warmbadetag mit seinem typischen Flügelschlag mindestens 800 Meter im Hallenbad kraulend durchs Wasser. An diesem Dienstag feiert er seinen 90. Geburtstag zuhause mit seiner Frau Bärbel, Verwandten und vielen Freunden, die herzlich gratulieren: Manfred „Mande“ Bihr, der Grandseigneur und das Urgestein des Schwimmvereins Gmünd. Sein wertvollstes Geburtstagsgeschenk hat er schon vor wenigen Wochen bekommen: Nach einer schmerzhaften Beinverletzung darf er endlich wieder schwimmen. Und er stürzt sich deshalb per Hechtsprung ins nasse Element, das sein Lebenselixier ist.

Seinen ersten Wettkampf bestritt der Jubilar, der im Wildeck und später in der Rappenstraße mit fünf Brüdern und zwei Schwestern aufwuchs, im Alter von 12 Jahren: Bei den württembergischen Knabenmeisterschaften in Göppingen wurde er über 100 m Kraul Erster. Die Gmünder Trainerlegende Hans Richter hatte das Talent von Manfred Bihr früh erkannt und ihn schnell in den Kreis der ersten Herrenmannschaft berufen, die im Jahre 1952 sensationell Deutscher Mannschaftsmeister wurde. Hans Richter lehrte seinen Schützlingen nicht nur Schwimmtechnik, sondern kümmerte sich auch um deren gesunden Lebenswandel. So verordnete er dem Gesellen Manfred, der bei der Bäckerei Schmid im Freudental in die Lehre gegangen war, auch den notwendigen Schlaf. Völlig „ausgeschlafen“ ging „Mande“ fortan bei Schwimmwettkämpfen an den Start. Beispielsweise 1954 bei einem Clubkampf gegen Lazio Rom im Gmünder Hallenbad, als er die favorisierten Römer um Längen abhängte. Auch bei Deutschen Meisterschaften trumpfte Bihr auf. 1955 in Pirmasens gewann er mit Rups Köninger, Manfred Rieg und Hans Botsch die Bronzemedaille über 4 x 100 Meter Kraul. Damals gegen die deutschen Spitzenvereine eine kleine Sensation, die sogar der Rundfunk mit einer Live-Reportage würdigte. Bihr war nicht nur ein herausragender Kraulschwimmer; bei den Süddeutschen Meisterschaften 1956 in Mainz vervollständigte er die aus den Brüdern Walter, Hans und Dietrich Botsch bestehende, selbstverständlich siegreiche, Gmünder Rückenstaffel zum Quartett. Daneben war Mande in der Gmünder Wasserballmannschaft ein gefürchteter Torjäger, der alle sportarttypische Unterwasserkniffs perfekt beherrschte. Und bei vielen den in den 50er- und 60er-Jahren so beliebten Clubkämpfen begeisterte er die Zuschauer zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Kumpel Manfred Rieg als humoristischer Kunstspringer vom Drei-Meter-Brett. Besonders gern im Badesee in Gschwend, denn dort gab es immer als „Prämie“ eine deftige Portion Essen vom „Hirschwirt“.

Zahlreiche württembergische und süddeutsche Meistertitel gewann Manfred Bihr während seiner aktiven Zeit. Das reichte ihm noch lange nicht. Als 1996 die Masterwettbewerbe der Senioren ausgeschrieben wurden, war er von Anfang an dabei. Er sammelte auf nationaler und internationaler Ebene Medaillen um Medaillen, als Höhepunkt sogar eine Bronzemedaille mit der Freistilstaffel bei den Weltmeisterschaften 2012 in Riccione/Italien. Was ihm die Kameradschaft beim Schwimmverein bedeutet, zeigte Mande im Jahr 2005. Für einen Urgmünder außergewöhnlich ließ er den traditionellen Altersgenossenumzug zum 70er-Fest sausen, um in Bonn bei den Deutschen Mastermeisterschaften die Freistilstaffel der Altersklasse 240 zu verstärken und mit ihr Deutscher Meister zu werden. 2015 wollte er – als Abschluss seiner Schwimmerkarriere - diesen Coup in gleicher Besetzung bei den „Deutschen“ in Regensburg wiederholen. Das Quartett schlug auch klar als Erster an und ging frohgelaunt zur Siegerehrung. Dort standen überraschend vier Teams. Und die Gmünder durften nicht aufs Podest, sie waren disqualifiziert worden, weil ausgerechnet Mande einen Frühstart verursacht hatte. Er musste deshalb seinen Rücktritt vom Rücktritt erklären. Und so sammelte er nochmals Meistertitel um Meistertitel bei Baden-Württembergischen und Deutschen Meisterschaften.

Auch abseits von Wettkämpfen ist Manfred Bihr bis heute noch für „seinen“ Schwimmverein aktiv: Er läutet jedes Jahr das An- und Abschwimmen im Bud-Spencer-Bad mit einer großen Schweizer Kuhglocke ein und er ist Ratsmitglied in der Brigitte-Frank-Stiftung. Seine Leidenschaft zum Schwimmen wirkte sich übrigens auch auf seine berufliche Laufbahn aus – vom Bäcker zum Maschinenschlosser und dann zum Schwimmmeister; zunächst im Fellbacher Hallenbad und ab 1970 bis zum Eintritt in den Ruhestand in Schwäbisch Gmünd.